Hanau, Marienkirche (2024–2026)

Detail Blattsilberauflage (Werkstattfoto: Jan Peters)
Detail Blattsilberauflage (Werkstattfoto: Jan Peters)

Die Marienkirche gehört zu den ältesten und bedeutendsten Bauwerken Hanaus. Mit einem Dankgottesdienst am Palmsonntag wurde sie nach zweijähriger Sanierung feierlich wiedereröffnet. Die Restaurierung in den Jahren 2024 und 2025, koordiniert durch das Ingenieurbüro Frischmuth, ermöglichte eine Neuordnung der partiellen, mittelalterlichen Farbverglasung. In den 1950er-Jahren war sie im Zuge einer Neuverglasung mit Wabenornament in den Chorraum integriert worden. Die heutige Positionierung betont den für gotische Chorräume charakteristischen Fünf-Achtel-Schluss. Das Zentrum bildet die Darstellung Christi als Gärtner, eingerahmt von den heiligen Nikolaus und Maria Magdalena. In einem sukzessiven Prozess und in Abstimmung zwischen Kirchengemeinde, Vertretern der kirchlichen und staatlichen Denkmalpflege und dem landeskirchlichen Fonds ‚Kirche und Kunst‘ der EKKW wurde Vorhandenes gezielt in einen neuen Zusammenhang gestellt. 

 

Von der Schrift zum Ornament

 

Der Titel der künstlerischen Neugestaltung aus dem Jahr 2025 lautet „Puls“. Eine punktrasterartig verschlüsselte Botschaft auf der Wabenstruktur führt die Erzählung des zentralen Fensters subtil fort. Zwei punktuelle Leerstellen repräsentieren einen Buchstaben. Im Uhrzeigersinn angeordnet, führt der Weg vom A bis zum zentralen Z.

 

 

 

Vom Ornament zur Fläche

 

Zur Entschlüsselung dienen die einstige dreiteilige Darstellung der Heiligen Sippe im Nordchorfenster sowie die Ornamente im Nachbarfeld. Letztere ergänzen das nur teilweise sichtbare Alphabet auf Joseph Justus’ Schreibtafel auf symbolische Weise. Das Silber verweist auf die lange Tradition der Silberverarbeitung in Hanau. Durch die Kombination mit Glas entsteht ein faszinierendes Wechselspiel aus Licht und Materie. Im Fokus steht dabei die Transformation des Lichts – sei es durch Reflexion, Transmission oder Absorption. Die Silberpunkte verschmelzen optisch im Durchlicht mit den grauen Überzügen der bestehenden Verglasung, wodurch das Raster dezent im Hintergrund bleibt. Trifft jedoch das Licht der Südsonne auf die Fenster, beginnt die Silberebene reflektierend zu vibrieren.

 

 

Abb. links u. Mitte: Glasmalerei Peters; Abb. rechts (Simulation): Atelier Lönne + Neumann
Abb. links u. Mitte: Glasmalerei Peters; Abb. rechts (Simulation): Atelier Lönne + Neumann

 

Von der Fläche zur neuen Form

 

Ein spezielles chemisches Verfahren lässt definierte Bereiche der Silberebene im Auflicht geschwärzt erscheinen. Die auf diese Weise bearbeiteten Silberpunkte unterbinden gezielt Lichtreflexe bei Kunstlicht. In der dunklen Tageszeit erzeugen Reflexionen des Raumlichts auf den unbearbeiteten Silberpunkten eine zweite Bildebene: Die mittelalterlichen Glasmalereien werden dann von Kreisringen umgeben, die sich vom Zentrum aus pulsartig ausdehnen.

 

„Puls“ verknüpft mittelalterliche Ästhetik mit moderner künstlerischer Ausdrucksweise. Durch die Interaktion mit Licht, Raum und Bewegung ist das Werk in stetiger Veränderung und verwandelt dabei die Perspektive der Betrachtenden. „Puls“ ist nicht bloße Bewahrung von Geschichte, sondern deren lebendige Fortsetzung.

 

Die Versilberung der bestehenden Wabenverglasung sowie die Restaurierung der partiellen Farbverglasung wurden von Glasmalerei Peters in Paderborn ausgeführt.

 

 

Werkstattfotos Durchlicht und Auflicht, Glasmalerei Peters
Werkstattfotos Durchlicht und Auflicht, Glasmalerei Peters