Evangelische Kirche Viesebeck - Gestaltung der Mauernische in der Altarwand
Entwurf: Atelier Michael Lönne + Jörn Neumann, Paderborn, 2024
Titel: Fußnote
Gedanken zum Entwurf
Beim Betreten der historischen Kirche fällt der Blick direkt auf das gegenüberliegende zentrale Chorfenster. Nahe der Fensterlaibung befindet sich rechts unten eine Mauernische. Die hölzerne Nischentür wurde bereits demontiert. Wir schlagen vor, auch die verbliebenen Türbänder und Türriegel bauseits zu entfernen. Die Spuren des Rückbaus können anschließend sachgemäß geschlossen und mit etwas Wandfarbe angeglichen werden. Die grob gearbeitete Umrandung der Nische bleibt erhalten.
Im Innern befindet sich an beiden Seiten relativ zentral jeweils eine Nut. Ihre ursprüngliche Funktion wird aufgegriffen. Die Nuten dienen hier als Auflage für die Querstege einer reversiblen U-förmigen Messingablage, deren Flächen mit etwas Abstand parallel zu den Nischenwänden verlaufen. Im unteren Zentrum bleibt der Abstand zum Nischenboden durch einen dritten kleinen Steg gewahrt. Das geschliffene Messing korrespondiert mit den goldfarbenen Umrahmungen der Kassettenfelder am vorgesetzten Wandelement.
Auf der U-förmigen Messingablage, die als Gerüst dient, findet ein gläserner Hohlquader Platz. Die Gestaltung der vorderen Fläche umspannt auch die Seitenflächen. Der quaderförmige Glaskörper ist Aufbewahrungsort für eine diagonal eingefügte, gestaltete Glasplatte und ragt einige cm aus der Nischenöffnung hervor, sodass Licht hineinfällt und Betrachtende ggf. von oben hineinschauen können. Das Material Glas vermittelt zwischen dem zentralen und dem südlichen Chorfenster und fügt sich so in die vorhandene Situation ein.
Der Entwurf für die Mauernische nimmt das inhaltliche und strukturelle Umfeld auf. Thematischer Anknüpfungspunkt ist die biblische Erzählung (Mt 14,22-33), auf der die Darstellung des sich fürchtenden und sinkenden Petrus beruht. Petrus wird von Jesus gerettet.


Worte, die mit dem Bibeltext unmittelbar in Verbindung stehen, bilden das gestalterische Zentrum. Das dunkle Kolorit der Buchstaben sucht dabei die visuelle Nähe zur Schwarzlot-Malerei im Altarfenster. Durch die besondere Anordnung und die großen Leerstellen zwischen den Buchstaben erscheint die Schrift bruchstückhaft. Eine horizontale weißtönende Struktur kehrt die schwarz konturierten Wasserlinien im Altarfenster förmlich um. Die teilmattierte gläserne Hülle verhindert, dass die Worte sofort vollständig erfasst und richtig zugeordnet werden können. In Momenten des Zweifelns und der Angst wird selbst das Sehen unklar. Nur mit Mühe und bei näherer Auseinandersetzung mit dem Dargestellten wird der Zusammenhang spürbar. Das Arrangement vermag einen hoffnungsvollen Errettungsgedanken zu assoziieren. Die Worte ‚Angst‘ und ‚Zweifel‘ befinden sich in der unteren Schattenzone, während ‚Vertrauen’ und ‚Glaube‘ darüber gestellt sind und symbolisch nach oben und zum Licht streben.
Die Arbeit interpretiert das Fenstermotiv neu, soll sich in Vorhandenes einordnen und als Ergänzung verstanden werden, aber auch zum Nachspüren anregen. Durch das Aufnehmen der Wasserstruktur wird eine allgemeine Verbindung zum Thema Wasser und zur geschichtlichen Umgebung hergestellt: Die „alte Wasserkunst“, der Naturfels mit einer Bronzefigur des Mose (2. Mose 17) auf dem Kirchenvorplatz und der Brunnen am Dorfplatz sind nur einige Beispiele.[1]
Technik
Die Schrift wird händisch auf das innere Glas gemalt und durch Einbrennen bei 600 Grad mit der Glasoberfläche verbunden. Im Unterschied dazu entsteht die Wasserstruktur auf dem Hohlquader mittels digitaler Lasertechnik. Die Struktur ist matt und harmoniert farblich mit den geweißten Wänden. Durch die Gravur entsteht ein schönes Wechselspiel zwischen glatter und leicht aufgerauter Glasoberfläche. Die teilmattierten Gläser werden umlaufend geschliffen. Sie erhalten dadurch jeweils matte Kanten, die mit der eingravierten Struktur ein Ganzes bilden. Die innere Schriftscheibe wird zusätzlich umlaufend poliert.
Anmerkungen
[1] Vgl. https://www.viesebeck.com/vereine/verein-zur-foerderung-der-dorfentwicklung-und-erneuerung/. 24. März 2024 10:54:35 GMT
© 1992–2026 Atelier Michael Lönne + Jörn Neumann Email: [email protected]
