Schönstattzentrum Benhausen, Entwürfe für 15 gläserne Stationen des Kreuzweges
Umarbeitung der Vorentwürfe unter Einbeziehung von Anregungen aus der Gemeinde Stand 06/2023
Hier werden alte und neue Gedanken zum Entwurf noch einmal kurz zusammengefasst. Die neuen Entwürfe basieren auf ersten skizzierten Versionen aus dem Jahr 2018/19. Alle Umrisse und Strukturen wurden neu gezeichnet und arrangiert sowie die spezifischen Körperformen herausgearbeitet und betont.
Inspiration
Die ikonografischen Motive definieren sich sowohl über dargestellte Körper als auch über Körperteilstücke. Figürliche Abbildungen zusammen mit symbolischen Abkürzungen stellte Fra Angelico bereits um 1440 dar. Die „Verspottung Christi“ aus dem Freskenzyklus von San Marco in Florenz verwendet diesen Bildtypus z. B. in Gestalt einzelner Hände, die den verurteilten Jesus umgeben.
Intention
Die Konzentration auf die Form der Silhouette ohne Gesichtszüge oder sichtbare Mimik lässt die dargestellten Körper streng reduziert erscheinen und eine ganz eigene weltentrückte Ruhe ausstrahlen. Gleichzeitig wird Unverrückbares sichtbar gemacht. Ruhe und Stille oder der Wunsch nach Stille ist etwas Substantielles, das fortbesteht. In einer immer schnelllebiger werdenden Zeit sollen auch die Stationen des Kreuzweges diese Stille ermöglichen.
Im Unterschied zu den ersten Skizzen sind die Silhouetten der neuen Version keine allgemeinen Figuren mehr, sondern Bilder realer, aber anonymer Personen. Sie tragen die Zeichen des christlichen Passionsgeschehens. Die Silhouetten werden ergänzt durch linienartige Strukturen, die an textile Gewebe erinnern. Die Entwürfe bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Deutlichkeit und Abstraktion. Einzelne Darstellungen erscheinen auf den ersten Blick bruchstückhaft oder vielleicht unverständlich. Dadurch bleiben sie offen für Interpretationen, erschließen sich den Betrachter:innen aber bestenfalls bei näherer Betrachtung oder im Kontext der Schlagworte.
Die Schlagworte sollen eine neue Wahrnehmung und Auslegung religiöser Inhalte ermöglichen und die Betrachter:innen ermutigen, sich ihre ganz eigenen Gedanken zu machen mit dem offenen Blick auch auf gegenwärtiges Leid anderer Mitmenschen.
Stationen (nur Nummern und Schlagworte sind auf den Metallelementen lesbar)
Der Bildraum, die Platzierung der Körper und der Körperteilstücke darin sowie deren Gestus wird mit Hilfe der Zuordnung von links und rechts, oben und unten gegliedert.
1 Urteil
Jesus wird zum Tode verurteilt.
Die Hand als verspottende und urteilende Geste. Sie zeigt auf den Verurteilten. Jesus wird ausgegrenzt, ja förmlich „an den Rand gedrückt“ und zum Opfer gemacht. Mit dem Wissen, wie
vorschnell und unüberlegt auch wir über andere urteilen können, erkennen sich Betrachter:innen möglicherweise im reflektierenden Glas selbst.
2 Belastet
Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern.
Durch die horizontale Gliederung der Fläche wird das Kreuz erst sichtbar. Jesus akzeptiert mit dem Kreuz sein Schicksal. Können auch wir das Schwere, das uns im Leben trifft,
annehmen?
3 Aushalten
Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz.
Im Leid wird Jesus zur Erde gedrückt. Seine Hand tastet sich wieder empor. Manche Situation entkräftet uns, lässt uns zweifeln, lässt uns wanken. Können wir der angenommenen
Belastung auch standhalten?
4 Verbunden
Jesus begegnet seiner Mutter.
Zwei Menschen stehen sich zeichenhaft gegenüber. Ihre Schicksale sind aufs innigste verwoben. Symbol für diese Verbundenheit sind Strukturen, die sich mit textilen Gewebeflächen
vergleichen lassen. Ein textiles Flächengebilde besteht aus zwei Fadensystemen, die einander durchqueren. In Analogie kreuzen sich die Strukturen der abgebildeten Körper.
5 Mittragen
Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz zu tragen.
Von links greift die Hand eines bisher Unbeteiligten in den Bildraum und stützt das Kreuz. Für Simon ist Jesus ein Fremder. Auch wenn das Schicksal eines fremden Menschen unvermeidbar ist, kann eine helfende Hand die Last mildern.
6 Mut
Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.
Der obere Bildteil wird über die horizontale Kreuzachse spiegelbildlich nach unten gefaltet - das Kleine im Großen. Das Abbild ist Symbol für Veronikas couragiertes Handeln - ein kleines Zeichen, aber von großer Bedeutung.
7 Schwäche
Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz.
Trotz größter Entkräftung steht Jesus wieder auf, um seinen Weg weiterzugehen.
8 Mitleid
Jesus begegnet den weinenden Frauen.
Sogar in seinem eigenen Leid findet Jesus Trost für die klagenden Frauen. Die Hände sind entlang einer ausgeprägten diagonalen Verbindungsachse angeordnet. Jesu Blick reicht weit hinunter zu den Frauen. Der Blick ist nicht hochmütig, sondern will wachrufen, geistig in die Tiefe zu gehen und über den eigentlichen Beweggrund zur Trauer nachzudenken.
9 Kraft
Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz.
Drei Mal fällt Jesus unter dem Kreuz. Bei jedem Mal wird der Keil größer, der die erdfarbene Bildfläche zerteilt. Die Hand im Bild suggeriert, dass Jesus nun endgültig am Boden liegt. Manche Situation kann uns bis zur Handlungsunfähigkeit belasten. Anders betrachtet, stützt sich die Hand aber auch entschlossen vom Boden ab, ist im Begriff wieder aufzustehen, um das zu tragen, was sie tragen muss.
10 Entwürdigung (Würde)
Jesus wird seiner Kleider beraubt.
Durch das Fortreißen seines Gewandes wird Jesus bloßgestellt, seine Selbstachtung kann ihm jedoch nicht genommen werden.
11 Festgenagelt
Jesus wird ans Kreuz genagelt.
„Die Annagelung als Zeichen der Gebundenheit an den Willen des Vaters.“ (Zitat Schönstatt-Gemeinde Benhausen)
12 Hingabe
Jesus stirbt am Kreuz.
„Von Jesus her gesehen, ist es seine Ganzhingabe an den Willen des Vaters.“ (Zitat Schönstatt-Gemeinde Benhausen)
13 Einssein
Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt.
„Die Gottesmutter ist mit ihrem Sohn eins.“ (Zitat Schönstatt-Gemeinde Benhausen)
14 Hoffnung
Der heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt.
„Im Tod wächst etwas neues, Vorbereitung, Saatkorn“. (Zitate Schönstatt-Gemeinde Benhausen)
15 Ewigkeit
Auferstehung.
„Es ist erfüllte Hoffnung, Ewigkeit, Jesus lebt, Die Kapelle steht für die Gegenwart des auferstandenen Jesus.“ (Zitate Schönstatt-Gemeinde Benhausen)
Durch die großflächige Transparenz des Glases können wir die Kapelle sehen. Das Glas ist wie ein Fenster, durch das wir hindurchsehen. Das Glas ist gleichzeitig verbindendes Element zu den übrigen Stationen.
Farben
In Analogie zur grafischen Darstellung stellt sich auch das Farbspektrum reduziert dar. Insgesamt gibt es nur 4 Farben nebst Weiß und Schwarz. Farben haben Symbolcharakter. Doch die Farbsymbolik ist nicht immer eindeutig oder einheitlich. Seit dem 14. Jahrhundert ist die Bedeutung der Farben nicht mehr allgemeingültig. Daher folgt das gewählte Kolorit auch keiner universellen Regel, sondern fungiert als Farbikonographie am einzelnen Werk.[1]
Die Hintergrundfassung der ersten Station orientiert sich an dem Farbton Caput mortuum, auch Colcothar, ein mineralisches Pigment, welches aufgrund der Namenherkunft mit der biblischen Schädelstätte Golgotha (auf Hebräisch Golgota) assoziiert wird.[2] Caput mortuum findet sich als bestimmender Farbton in Nuancen leicht variiert auch in folgenden Stationen wieder. Die Farbe Ocker definiert die 3 Zusammenbrüche (Station 3, 7 u. 9). Ocker ist eine der frühesten Farben der Menschheitsgeschichte und eine Erdfarbe. Im Entwurf tendiert die Farbe Braunocker zum Umbra (lat.: umbra - Schatten). Diesem eher ruhigen, gedeckten Farbklang werden aktive Farben gegenübergestellt. Rot gilt als Farbe der Liebe, des Blutes und ist Sinnbild für die Passion. Blau versinnbildlicht hier das Gewand Marias. Schwarz verkörpert Dunkelheit, Tod und Leere. Weiß ist der Innbegriff von Unschuld und Herrlichkeit [3], die Farbe des Lichts, die Farbe der Erlösung und der Vollkommenheit. Schwarz und Weiß bilden die größten Kontrastwerte. Während sich Schwarz visuell dem Material Metall annähert, sucht Weiß die Verbindung zum transparenten Glas.
Konstrukt
Glas und Metall werden zu einer Einheit verknüpft und dadurch zur Skulptur. Sie thronen auf stabilen Betonkuben. Aus der Vogelperspektive ergeben die kreuzweise verbundenen Materialien entweder das griechische oder das lateinische Kreuz. Rein optisch sind Glas und Metall dualistisch. Dieses Aufeinandertreffen von Gegensätzen steht für die Interaktion und ein dialogisches Zueinander. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln ergeben sich differenzierte Ansichten. Je nach Fokus auf das Dargestellte können Betrachter:innen sich in teils reflektierenden Glasoberflächen widerspiegeln und so Teil des Bildes werden.
Markierung
Es wird vorgeschlagen, die Schlagworte senkrecht am Rand der Metallebenen anzuordnen. Die Nummernabfolge befindet sich lotrecht darüber. Dadurch wird die schlanke, hochrechteckige Erscheinungsform der Stationen noch einmal betont. Die Worte schweben sinnbildlich zwischen Himmel und Erde. Impact (engl. Wirkung, Eindruck) ist eine Schriftart, die der Helvetica ähnelt. Sie ist gut lesbar und durch ihre starke Gestalt besonders qualifiziert für Überschriften. Ihr Name verweist darauf, dass die geschriebenen Worte von Bedeutung sind.[4]
Ausführung
Mehrschichtige Glasmalerei auf Sicherheitsglas mit partieller Durchsicht. Die Gläser entfalten beidseitig ihre Wirkung, haben aber immer eine konkrete Schau- bzw. Ansichtsseite. Diese wird definiert durch die Markierung der Schlagworte und Nummern. Spezielle Säure- und Laugenfeste Glasschmelzfarben mit opalisierender und opaker Wirkung werden z. T. mit Diffusionsfarben kombiniert und dauerhaft in das Trägerglas eingebrannt. Scheibenaufbau und Art der Ausführung nehmen Einfluss auf das Erscheinungsbild. Aktuell ist vorgesehen, Farben teilweise auch haptisch erlebbar zu machen.
Anmerkungen
[1] Vgl.: ›Farbensymbolik‹, in: Lexikon der christlichen Ikonographie, Zweiter Band, Freiburg im Breisgau 1994, S. 7-14
[2] Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Caput_mortuum. 15. Juni 2023 12:55:47 GMT
[3] Vgl.: Klaus Koch: ›Farben‹, in: Reclams Bibel Lexikon, Stuttgart 2000, S.143
[4] Vgl.: https://wikipedia.org/wiki/Impact_(Schriftart). 31. Mai 2023 01:50:58 GMT
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